Bericht Juli 2009



Bericht Juli 2009

Kongoreise und Besuch des Misalisa-Projekt

von
Deborah Scharfy, Agrarbiologin und Pflanzenökologin sowie Gründungsmitglied von Misalisa e.V.

Es ist mein erstes Mal im Kongo, und ich bekomme beide Kongos zu Gesicht. Wir fliegen nach Kongo-Brazzaville, besuchen dort Bekannte und reisen dann erst in den großen Kongo, Kongo-Kinshasa. Die beiden Hauptstädte liegen sich direkt gegenüber am großen Fluss, aber sie sind sehr unterschiedlich. Brazzaville hat ca. 1 Million Einwohner Kinshasa hat etwa 8 Millionen, und das macht sich deutlich bemerkbar. Im Gegensatz zu Kinshasa wo jede Ecke voll mit Menschen ist, erscheinen die Straßen Brazzavilles richtiggehend leer. Wir bleiben nur zwei Tage in Kinshasa bevor wir aufs Dorf fahren, denn die Dorfälteste (Koko Therese) ist gestorben, und wir wollen bei der Beerdigung dabei sein. Koko Therese hatte als Oberhaupt der Familie von Robert, unserem Vereinsvorsitzenden, die Projektideen von Misalisa e.V. gutgeheißen und ihren Segen für den Start der Projekte auf Kisonga Ntela gegeben.

Wir fahren mit einem Ford Fiesta relativ komfortabel auf Asphaltstrassen bis Kimpese (Stadt ca. 200 km westlich von Kinshasa) und dann auf Erdpisten bis ins Dorf Nkamba II. Fast alle die wir unterwegs treffen sagen uns, dass wir doch mit einem Landrover fahren müssten. Das wären wir auch gern, nur hatten wir keinen Landrover zur Verfügung. Zum Glück ist Trockenzeit und wir bleiben zumindest nicht im Matsch stecken. Dafür werden wir aber in roten Staub eingehüllt und einen Steilhang kommen wir erst nach mehreren Anläufen hoch. Das Auto ist auch recht vollgepackt, wir sind zu dritt, haben unser Gepäck für 2 Wochen dabei, 12 Flaschen Trinkwasser, und Mitbringsel (5 Liter Benzin, 2 kg Seife, 20 kg Zucker, 1 kg Salz, 2 kg Kaffee, 5 kg Fisch). Wir schaukeln ca. 6 Stunden durch die Gegend bis wir das Dorf erreichen. Zwischendurch müssen uns mehrmals Leute helfen, weil das Auto entweder feststeckt, oder auf einem Stein oder Erdhügel festklemmt. Der arme Ford, er wird noch einiges erleben mit uns.


Das Dorf ist voll mit Menschen, viele aus den umliegenden Dörfern, die zu Fuß mit einer Schlafmatte, Essen und etwas Geschirr angereist sind. Die Tote ist vor ihrem Haus unter einem Schattendach, in einem mit rosa Seidenstoff ausgekleideten Sarg aufgebahrt. Viele Frauen halten Totenwache und haben ihr Lager neben der Toten aufgeschlagen. Die Männer sitzen etwas abseits in einem Kreis beisammen. am Abend wird Musik gemacht, sowohl live als auch aus der Konserve. Unter anderem spielt auch die Trommel-Flöten-Gruppe aus Nkamba II Dazu wird gesungen und im Kreis getanzt. Getrunken wird Zuckerrohrwein. Ich filme die Tänzer ein wenig und werde dann auch zum Tanzen aufgefordert, gebe nach und tanze mit, ohne zu wissen wie glücklich mein Tanzen die Dorfbewohner machen wird. Nicht so sehr mein Können (ich kann keine der Schrittfolgen einhalten), sondern die einfache Tatsache, dass ich mitmache, erfreut die Anwesenden. Auch Robert trommelt eine Runde mit. Dann gehe ich schlafen, während die anderen die Nacht durchmachen.

Am nächsten Tag ist es dann so weit, und Koko Therese soll beigesetzt werden. Die Trommel-Flöten-Gruppe spielt wieder und alle verabschieden sich noch mal von ihr und gehen im Kreis um den Sarg, dann wird Koko Therese ein letztes Mal durchs Dorf getragen, wobei sich die Träger mal vorwärts und dann wieder rückwärts bewegen und die Trauergemeinde tanzt dazu. Es ist eine bunte Menschentraube rund um den Sarg und diese setzt sich nach der Runde durchs Dorf langsam in Bewegung in Richtung Friedhof, der etwa 1.5 Kilometer vom Dorf entfernt liegt. Einen Teil der Strecke wird der Sarg auf einem Pickup transportiert. Ein Pfarrer hält eine kleine Trauerrede, dann wird Koko Therese beerdigt. Danach marschieren viele Gäste wieder in ihre Dörfer zurück. Am nächsten Tag werden die Trauerfeierlichkeiten offiziell beendet, es gibt eine Reihe von Sitzungen und Familiengesprächen, und am Abend noch einmal Tanz.


Bilder: Blick vom Friedhof auf Kisonga Ntela, Kisonga Ntela mit Hütte

Von da an gehen wir dann knapp 2 Wochen fast jeden Tag zu „unserem“ Hügel Kisonga Ntela. Wir begutachten, was sich seit dem letzten Besuch von Robert und Verena getan hat. Ich lerne die Projektleiter Theo und Papy kennen sowie die 5 mehr oder weniger festen Mitarbeiter von unserem Verein Misalisa bzw. Verein A.P.E.M. im Kongo (Association pour la promotion de l`entre-aide en RDC Misalisa = Verein zur Förderung der Selbsthilfe in der DRK). Als Verena und Robert vor einem halben Jahr hierherkamen und diesen Standort für unser Projekt ausgewählt haben, war der Hügel ungenutzt, von Savannenvegetation, von vielen Gräsern und vereinzelten kleineren Bäumen bewachsen. Jetzt ist die Hälfte des Hügels mit Maniok bepflanzt (4 ha) und die Stauden haben schon angefangen Knollen zu bilden. Diese werden nach ca. 2 Jahren geerntet, wenn sie groß genug sind um einen guten Ertrag zu liefern. Maniok ist die Hauptnahrung im Kongo (ca. 70% der landwirtschaftlichen Erträge), und wird entweder gekocht wie Kartoffeln, zu Mehl verarbeitet für Maniokbrei, oder fermentiert zu einer Art Maniokbrot (Kuanga). Weiter oben am Hügel sind Bäume gepflanzt worden. Ein Baobab, mehrere Moringa (Heilpflanze), Safou (ein Baum, der lila Früchte bringt, die wie Gemüse gekocht und gegessen werden), Avocado, und andere Fruchtbäume wie Mango, Annonen (Coeur de boeuf), Orangen, Mandarinen, Pomme rouge, und Guaven. Zudem wurden noch ca. 120 Ananas gepflanzt und 1 ha Bohnen. Diesmal haben wir aus Deutschland auch Pflanzkartoffeln und jede Menge Samen mitgebracht: Zwiebeln, Tomaten, Paprika, Zucchini, Auberginen, Melonen. Sobald im Oktober die Regenzeit wieder anfängt, können diese gesät werden. Die Kartoffeln wurden noch im Juli in Waldnähe gesteckt und entwickelten sich prächtig.


Bilder: Maniokfeld, Moringa oleifera-Bäumchen, Ananas, Ananasfeld

Die Wasserverfügbarkeit stellt allerdings ein Problem auf Kisonga Ntela dar. Das Wasser muss von einer Quelle im Tal in Kanistern hochgetragen werden. Zunächst wurde das Wasser von einer Quelle etwa 20 Minuten vom Hügel entfernt geholt. Mittlerweile wurde aber eine Quelle auf der anderen Seite des Hügels entdeckt, die nur noch halb so weit entfernt liegt. Für die Zukunft wäre wichtig, eine Zisterne vor Ort zu haben, und eine Pumpe die das Wasser von der Quelle hinauf in die Zisterne pumpt. Wasser ist auch besonders in der Trockenzeit wichtig, da unkontrollierte Brände eine Gefahr für die Lehmhütten darstellen, vor allem für die Grasdächer. In der Trockenzeit werden viele Flächen abgebrannt um bei Anfang der Regenzeit einfacher pflanzen zu können. Dabei geraten aber viele Brände außer Kontrolle und es brennen viel größere Flächen ab als die Bauern bewirtschaften können. Daher wurden auch rings um den Hügel Feuerschutzbäume gepflanzt, diese sind aber noch klein, und vor Kurzem konnte ein Hüttenbrand nur verhindert werden weil die neu erstellte Zufahrt zu Kisonga Ntela den Übergriff des Feuers auf die Hütten hemmte.

Zu den Zielen von Misalisa gehört auch die Steigerung bzw. Erhaltung der Vielfalt der landwirtschaftlichen Produkte in dieser Gegend. Ein Beispiel für die Erhaltung wurde erfolgreich während unserer Anwesenheit durchgeführt. Zu meinem kongolesischen Lieblingsgericht gehört „Mfumbwa“. Das sind die Blätter einer Lianenpflanze, die mit einer Erdnusssoße gekocht werden, am besten leicht scharf, sehr fein! Diese Liane gibt es seit einer Weile nicht mehr in Nkamba II. Das wollten wir auf jeden Fall ändern, und es ergab sich durch die Beerdigungsgäste eine Gelegenheit. Eine Frau aus einem nächsten Dorf (Wombo) berichtete, dass es dort noch Mfumbwa gebe und versprach uns ein paar Pflanzen vorbeizubringen. Eine Woche später brachte sie uns Mfumbwa-Setzlinge. Es ist wunderbar wenn man sich mit den Nachbarn austauschen kann. Auch als wir noch ein anderes Dorf besuchen gingen, brachten wir von dort Okra-, und Baumwollsamen mit. Das am Fuße von Kisonga Ntela gelegene Wäldchen „Lemba“ wurde zudem wieder in Betrieb genommen. In diesem Wald wurden von Roberts Vater, dem früheren Familienoberhaupt, vor 30-40 Jahren viele Fruchtbäume und Palmölpalmen gepflanzt. Diese wurden aber lange nicht mehr genutzt und gepflegt. Misalisa APEM hat jetzt beschlossen, die Palmen wieder freizustellen, d.h. von Lianen und alten Palmblättern zu säubern, und Palmöl zu produzieren. Das ist mit einfachen Mitteln möglich und stellt eine Einnahmequelle für den Verein dar. Dies wurde uns auch demonstriert: die reifen Palmnüsse werden von den Stauden mit der Machete getrennt und in einer großen Tonne mit etwas Wasser erhitzt. Sobald das Fruchtfleisch erhitzt ist und das erste Öl austritt, werden die Palmnüsse in eine handbetriebene Presse umgefüllt und das Öl wird aus dem Fruchtfleisch gequetscht. Das faserige Fruchtfleisch wird mit einem Sieb getrennt. An einem Tag wurden so 30 Liter Öl hergestellt. Da die alten Palmen mittlerweile groß sind, sollen neu sogenannte Zwergpalmölpalmen gepflanzt werden. Diese bilden keinen so hohen Stamm aus wie die normalen Palmen und sind daher einfacher zu beernten. Es wird darauf geachtet werden, dass um neue Palmen zu pflanzen entweder die zu alten gefällt werden, oder dass neue am Rand vom Wald angepflanzt werden. Keine anderen Waldpflanzen sollen dadurch geschädigt werden.

Eine weitere Einnahmequelle für den Verein stellt die Produktion von Honig dar. Der Projektleiter von Misalisa im Kongo - Theo - hat eine Ausbildung zum Imker gemacht und hat einige Bienenstöcke. Er gewinnt aber auch Honig von Wildbienenstöcken in Bäumen. Die Arbeit mit den Wildbienen ist sehr anstrengend und auch gefährlich. Es fehlt ein richtiger Gesichtsschutz (Imkerhut), und anderes Equipment wie z.B. eine Honigschleuder (bisher wird der Honig durch ein Tuch abgeseiht), Honigfässer und Honiggläser (ganz wichtig, denn bisher wird er in Plastikflaschen abgefüllt und darin hält er sich nicht lange). Honig stellt eine Alternative für den Gebrauch und Kauf (!) von Zucker dar, und ist sogar beliebter und wird wertvoller geschätzt als Zucker. Es liegt Misalisa am Herzen, die Honigherstellung zu fördern und nach Möglichkeit auszubauen, d.h. weitere Imker auszubilden. In der Gegend von Nkamba II ist Theo der einzige Imker bisher. Zudem ist Honig auch medizinisch gesehen sehr wichtig er hilft z.B. innerlich bei Erkältungen und äußerlich bei Wunden. Die dringende Notwendigkeit die medizinische Selbstversorgung in dieser Gegend zu gewährleisten wurde auch bei diesem Aufenthalt wieder sehr deutlich. Es kamen viele Dorfbewohner auf uns zu mit der Bitte um Malariatabletten, Schmerzmittel, Diagnosen oder Ratschläge.

Für den Anfang wurde auf Kisonga Ntela der Bau von 3 Lehmhütten geplant, wobei 2 davon mittlerweile fertig sind und die dritte angefangen wurde. Im Dorf sind die meisten Häuser aus Backsteinen. Da man hierzu jedoch Backsteine und Zement benötigt haben wir uns fürs Erste für Lehmhütten entschieden, dazu braucht man nur Natur-Materialien die vorhanden sind: Holz, Palmstangen, Lehm, und Gras fürs Dach. Die Türen und Fenster werden von 2 Schreinern aus einem anderen Dorf hergestellt. Feste Häuser sind für später geplant, wenn der Verein sich etabliert hat. Vorerst werden die Lehmhütten den Projektleitern und den Vereinsmitgliedern aus Deutschland als Unterkunft dienen.


Bilder: Lehmhütte auf Kisonga Ntela, Arbeiter beim Lehmwände erstellen, die zwei Schreiner bei der Arbeit

Mittlerweile (Stand von September) wurde in mühevoller Handarbeit von Theo und einigen Mitarbeitern auch eine Zufahrt zum Kisonga Ntela fertiggestellt, die breit genug für Autos ist. Und auch mit dem Bau einer Toilette wurde begonnen. Unser Projekt im Kongo nimmt also Form an und wird von Theo und Misalisa-überzeugten Mitarbeitern stetig vorangetrieben.



Bilder: Kisonga Ntela mit neuer Zufahrt, Nahaufnahme der Zufahrt, Toilettenbau

Aus Freude über die Verwirklichung des Misalisa-Projekts auf Kisonga Ntela und aus Anlass meines Geburtstages feierten wir dort während meines Aufenthalts ein Fest. Wir entschieden, dass wir alle einladen wollten, die für Misalisa bisher auf Kisonga Ntela gearbeitet haben. Am Tag der Feier fingen ca. 10 Mamas schon morgens an zu kochen, es wurde eine Musikanlage organisiert und ein Fernseher, der Stromgenerator wurde vom Dorf heraufgetragen, es wurden Holzbänke errichtet, Sonnenschirme aufgestellt, der ganze Platz gefegt, Palmzweigbögen wurden den Weg entlang aufgestellt – was für eine Überraschung, und wieviel Mühe sich Theo und die anderen gemacht hatten! Sehr beeindruckend war auch die Rede von Papy, dem stellvertretenden Projektleiter und Buchhalter von Misalisa im Kongo, in der die Freude und der Enthusiasmus für den Verein und das Projekt zum tragen kamen. Es kamen viele Dorfbewohner, es gab Essen und Trinken für alle, Musik und Tanz, und einen sehr schönen Abend.

Kurz danach stand die Abreise für mich von Kisonga Ntela, Nkamba II und dem Kongo an. Wie so üblich auf den Dörfern hier bekamen wir sehr viele Abschiedsgeschenke. Das Auto wurde vollgeladen mit Erdnüssen, Yam, Kuanga, Kochbananen, Bohnen, Zuckerrohr. Wir verzichteten jedoch diesmal auf die Ziege, die wir auch hätten mitnehmen können. Der Empfang im Dorf war so herzlich gewesen, dass uns der Abschied schwer fiel. Wir waren jeden Tag reichlich bekocht worden, und das ganze Dorf war stolz uns als Gäste zu haben. Es war ein unvergesslicher Aufenthalt, und ich freue mich schon jetzt auf den Nächsten.

P.S.: Auch wenn dieser Bericht überwiegend die landwirtschaftlichen und baulichen Fortschritte unseres Vereins im Kongo beschreibt, so wurde im September von Misalisa e.V. wieder das Schulgeld für 15 Kinder in Nkamba II übernommen, genau wie letztes Jahr. Es wäre schön, wenn wir noch mehr Kindern bzw. Familien mit dem Schulgeld unter die Arme greifen könnten.